Motivationsfaktoren zur MOOC-Teilnahme und deren Demokratisierungspotential

Motivationsfaktoren

Der folgende Abschnitt beschäftigt sich mit der Motivation, mit einer gewissen Regelmäßigkeit an MOOCs teilzunehmen und diese abzuschließen. Die angeführten Argumente entsprechen der Meinung und den bisherigen Erfahrungen der Autorin, werden jedoch auch in wissenschaftlichen und anderen facheinschlägigen Artikeln aufgegriffen und im Text in Form von Hyperlinks ergänzt.

  • Intrinsische Motivation Neues zu lernen: Ein möglicher Grund zur Teilnahme an MOOCs ist der Wille zur Fort- und Weiterbildung, ohne dabei Zertifikate oder andere Teilnahmebestätigungen in den Vordergrund zu stellen.
  • Ergänzung zum bestehenden Bildungsweg / Bildungsangebot und spätere Verwertbarkeit: Meine persönliche Motivation zur Teilnahme an ausgewählten MOOCs besteht in der Ergänzung der akademischen Ausbildung. In einigen MOOCs ist es mir möglich neue, innovative Methoden, Tools und Analyse-Wege kennenzulernen, welche ich im eigenen Studium als zu wenig präsent erachte. Dabei steht für mich auch die spätere Verwertbarkeit des Wissens – beispielsweise im Beruf – im Vordergrund. Interessant sind für mich daher jene Kurse, die z.B. das allgemeine Verständnis zu Datensammlung, Verarbeitung und Interpretation fördern, da es sich dabei um Wissen handelt, welches sowohl außerwissenschaftlich im Marketingbereichen als auch innerwissenschaftlich relevant ist.
  • Austausch / Interaktion mit anderen Kursteilnehmenden: Die Möglichkeit, sich mit anderen Lernenden über die Inhalte auszutauschen stellt einen wesentlichen Motivationsfaktor dar, der von den meisten MOOC-Plattformen als äußerst wichtig und fördernswert bewertet wird. Ein Hauptproblem ist jedoch, dass hierbei das soziale Umfeld oftmals fehlt. Darauf weist neben der TU Graz auch die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) in einer 2013 erschienen PDF-Ausgabe zum Thema MOOCs hin. Demnach wirkt sich der informelle Austausch zwischen Lernenden (Ein gemeinsames Essen in der Mensa, gemeinsames Feiern, Freundschaften, ect.) und ein Gruppenzugehörigkeitsgefühl positiv auf das Lernverhalten aus (vgl. lfM 2013: 16). Meiner Erfahrung nach ist dieser soziale Aspekt in den meisten MOOCs äußerst gering ausgeprägt. Teilnehmende bewerte ich selbst eher als anonyme Masse. Persönlichkeitskonstituierende Merkmale wie Stimme, Charakter, Aussehen, Interessensfelder, Herkunft oder der vollständige Name der anderen Teilnehmenden sind mir weitgehend unbekannt. Da das Arbeiten in Kleingruppen in den von mir belegten MOOCs auch keinen Bestandteil des Lernkonzepts darstellt, wird für mich auch kein Anreiz geschaffen, intensiver mit ausgewählten Kursteilnehmenden zu interagieren. Auch aufgrund der physischen Distanz und der fehlenden Option, mich spontan oder situativ in Echtzeit mit den Teilnehmenden zu unterhalten ist meine Motivation, mich mit diesen Personen auszutauschen, kaum bis nicht vorhanden.
  • Badges: Badges können als extrinsische Motivationsfaktoren dienen. Gesammelte Plaketten könnten laut e-teaching.org beispielsweise auf Websites zur Selbstrepräsentation genutzt werden. Die Problematiken, die Abzeichen als Leistungsnachweis einzusetzen, werden ebenso thematisiert. Aufgrund von fehlenden Standards, Qualitätskriterien, Qualitätskontrollen und der Anbietergebundenheit der Badges haben diese nur einen geringen Aussagewert. Dies deckt sich mit meiner bisherigen MOOC-Erfahrung: Anhand von Badges ist für Außenstehende oft nicht ausreichend ersichtlich, wofür diese erhalten wurden und wie die Leistung einzustufen ist, die zum Erhalt des Abzeichens geführt hat. So können sich Badges womöglich als Gamification-Elemente eignen, um Lernende plattformintern zusätzlich zur aktiven Teilnahme zu motivieren. Ihre Tauglichkeit als ‚Leistungsnachweis‘, um sie auf externen Plattformen oder bei Bewerbungen anzuführen, ist aufgrund der noch fehlenden Standards jedoch in Frage zu stellen.
  • Gamification: Um Teilnehmende zu motivieren, werden vielfach spieltypische Mechaniken verwendet. Zu diesen zählen Punkte, Status, Level, Badges, Quests, Ranglisten, Fortschrittsbalken, Achievements oder Resultattransparenz. Ines Legnar entwickelte in ihrer Masterarbeit an der TU Graz diesen Gedanken weiter und setzte sich zum Ziel, potentielle MOOC-Aussteiger zu erkennen und zu motivieren, den Kurs positiv abzuschließen. Dies soll anhand der Auswertung ihres Aktivitätsverhaltens (Lesen im Forum, Schreiben im Forum, Quizantritte, Logins) erfolgen.
  • ECTS-Anrechenbarkeit: Die Möglichkeit, sich absolvierte MOOCs in Form freier Wahlfächer oder Ähnlichem anrechnen zu lassen, wäre eine zusätzliche Motivation, diese abzuschließen. Die derzeitigen Probleme, die sich bei der Anrechnung ergeben, fasst mitunter Gero Fischer in seinem Artikel ‚ Die auffällig verdächtige Begeisterung für MOOC & Co: Universitäre Lehre zwischen Austerität und Marktinteressen‘ zusammen. Die Herausforderungen betreffen inhaltliche und methodologische Differenzen in den Studienplänen, die Identitätsprüfung und Online-Prüfungsabhaltung, welche anfällig für Schwindel und Betrug ist, und die Einschränkung auf quantitativ auswertbare Prüfungsformate wie Multiple-Choice-Tests (vgl. Fischer 2015: 5). Hervorgehoben werden an dieser Stelle jedoch die Konzepte der TU Graz (iMoox), der TU München (Kooperation mit edX und Coursera) und die Universität Potsdam (Überwachung der Prüfungensleistungen mittels maschineller Gesichtserkennung), welche Lösungswege zur Anrechnung von MOOCs gefunden haben.
  • Teilnahmebestätigungen und Zertifizierungen: Zur persönlichen Bestätigung oder zum Qualifikations-Nachweis in Bildungseinrichtungen oder im Unternehmen stellen Zertifikate einen weiteren extrinsischen Faktor dar, der zum positiven Abschluss von Kursen motiviert. Dies erfassen Jürgen Handke und Peter Franke in ihrem Kapitel ‚xMOOCs im Virtul Linguistics Campus. Inhalte, Assessment und Mehrwert‘. Die Autoren listen dabei 14 Kriterien auf, welche Zertifikate enthalten sollten (Anbieter, Name, Benutzerdaten, Zertifikattyp, Kurstitel, Zeitraum, inhaltliche Beschreibung, Leistungsbeschreibung, Arbeitsbelastung, …) und raten zur Ausstellung verschiedener Zertifikatstypen, welche sich an den erbrachten Leistungen der Teilnehmenden orientieren (vgl. Handke / Franke 2013: 116f.).

Demokratisierung der Bildung durch MOOCs

Unter der Fragestellung ‚Demokratisierung oder Industrialisierung der Bildung?‘ beschäftigt sich Gero Fischer mit dem demokratisierenden Potential der MOOCs. Seine Sichtweise ist eher als dystopisch einzustufen. Es sei zu befürchten, dass Bildung Züge der McDonaldisierung bzw Industrialisierung annimmt, und eine Betreuungform durch Tutoren-Call-Center mit einer Taylorisierung der akademischen Bildung zu vergleichen sei. Der Autor vermutet, dass Lehrangebote sich an der Logik verkaufbarer Massenprodukte orientieren werden und kleine Universitäten durch die kommerzielle Ausrichtung der MOOCs und deren Produktionsbedingungen ausgeschlossen werden. Ebenso sei die Einsparung von Lehrpersonal zu befürchten und die Entwicklung hin zu kostenpflichtigen Kursangeboten, da deren Wartung und Herstellung sehr kostenintensiv ist. Ebenso gibt er zu bedenken, dass MOOCs vorrangig ein akademisch gebildetes Publikum ansprechen und von diesem genutzt werden, und auch hier sehr hohe Abbruchraten festzustellen sind. Bildungsfernere Schichten konnten bisher kaum oder gar nicht erreicht werden (vgl. Fischer 2015: 8).

Dem kann hinzugefügt werden, dass Sprache einen weiteren Exklusionsaspekt darstellt. Die meisten MOOCs werden auf Englisch abgehalten. Aufgrund des hohen Niveaus der meisten MOOCs kann angenommen werden, dass jenen Personen, welche nicht über ausreichende Sprachkenntnisse verfügen, die Sinnerfassung und Diskussion mit anderen Teilnehmenden schwerer fallen wird.
Auch die verschiedenen Bildungsniveaus stellen eine Herausforderung dar. In einigen MOOCs wird die Formulierung forschungsleitender Fragen im Kursverlaufs angestrebt. Personen, deren formaler Bildungsgrad nicht akademisch ist, waren mit derartigen Aufstellungen mit großer Wahrscheinlichkeit noch nie konfrontiert. Es ist anzunehmen, dass diese Menschen für wissenschaftliche Fragestellungen und Problematiken aufgrund ihres Ausbildungsweges weniger sensibilisiert sind. Zu komplexe Fragestellungen und das hohe Maß an erforderlicher Eigeninitiative, Selbstorganisation und Disziplin könnten demotivierend sein und formal niedriger gebildete Personen benachteiligen. Im Kontext des Digital Devides ist auch zu betonen, dass gewisse Bevölkerungsgruppen aufgrund ihrer eingeschränkten Zugangsmöglichkeiten zu digitalen, vernetzten Infrastrukturen benachteiligt werden.

Ebenso gibt es aber auch Gründe, die für das demokratisierende Potential von MOOCs sprechen, welche nachfolgend stichwortartig angeführt werden:

  • Räumliche und zeitliche Flexibilität: Personen, welche aus geografischen Gründen oder aufgrund von zeitlicher Unvereinbarkeit nicht an terminlich fixierten Universitätskursen teilnehmen können, wird durch MOOCs eine Alternative geboten.
  • Kostenlose oder günstige Zugänglichkeit: Personen, welche sich hohe Studiengebühren (wie z.B. in den USA) nicht leisten können, erhalten Zugang zu hochwertigen akademischen Bildungsressourcen.
  • Teilweise: zeitlich unbeschränkter Zugriff
  • Einfach bedienbare Websites: Die Websites der meisten MOOC-Anbieter sind ohne hohes technisches Vorwissen bedienbar. Auch technisch wenig erfahrenen Menschen wird dadurch die Interaktion und Navigation erleichtert
  • Schaffen von Rahmenstrukturen und Orientierung: Durch Kursstrukturierung und Betreuung der MOOCs sind Lernwillige nicht komplett auf sich alleine gestellt sondern erhalten Unterstützung, um sich Wissen zielführend anzueignen. Dies ist womöglich für all jene Personen hilfreich, die mit der selbstständigen Wissensaneignung im Internet noch wenig vertraut sind oder dies als sehr schwierig empfinden.
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